Tag 12: um Verdun 

Die Gegend nördlich von Verdun ist grün und hügelig. Alles wirkt friedlich. Kaum zu glauben, dass hier mal das Grauen geherrscht hat. Wir machen uns auf die Suche im 10 km entfernten Douaumont. Das Maasland Gedenktourismus heißt die Karte. Wir sind mittendrin.

Die Strecke ist nicht sehr befahren. Ein zwei Autos begegnen uns.  Auf der Hälfte entpuppt sich das Ganze eher als ideale Rennrad Etappe: es geht Kilometer nur bergauf. Die Begeisterung hält sich in Grenzen.  Einzig das Bullitt und sein Fahrer freuen sich. Nur ein kleiner Hügel. Der Weg führt durch einen wunderschönen Wald, licht mit Laubbäumen.  Erst später wird uns klar, dass diese Bäume keine 100 Jahre alt sind… 

Douaumont war einmal ein Dorf. Bis ungefähr 1916. Dann kam die Schlacht und das Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht. 

Wikipedia schreibt:

Douaumont ist ein ehemaliges Dorf, das im Ersten Weltkrieg während der Schlacht um Verdun vollständig zerstört wurde und nie wieder aufgebaut wurde. Dieses Schicksal teilt es mit acht weiteren Dörfern: Beaumont-en-Verdunois, Bezonvaux, Cumières, Fleury, Haumont, Louvemont, Ornes und Vaux. Nach dem Ende des Krieges beschloss Frankreich, das Dorf nicht mehr zu besiedeln. Der Boden war voller Blindgänger und Resten von Giftgas. Außerdem war der Boden und die Schicht unmittelbar unter dem Erdboden mit nicht bestatteten Gefallenen übersät. Gefallene Soldaten, sowohl Deutsche als auch Franzosen, wurden im Beinhaus von Douaumont bestattet.

Ein sehr gruseliges Gefühl beschleicht mich. Rund um die dort aufgebaute Kapelle kann man an einzelnen Positionen markiert noch Grundstücke erkennen, die mit Namen gekennzeichnet sind. Teilweise auch Überreste von Häusern.

Noch immer lieben die Nachfahren der ehemaligen Bewohner ihren Ort: man wählt auch heute einen Bürgermeister. 
Einen Kilometer weiter das Gebeinhaus und ein französischer Soldatenfriedhof. Im Gebeinhaus, wo wir den Turm und den Keller auslassen, liegen die Gebeine von 130.000 Menschen…  Man darf dort nicht fotografieren.  Ich habe mich – nicht unerfürchtig- darüber hinweg gesetzt. Hier werden uns die  Schreckens von Verdun erstmals so richtig vor Augen geführt. Unzählige Namen. 

Auf dem Weg zum nächsten Point of Interest: Reste von Stellungen, Reste von Schützengräben. Frankreich hat diese Gegend ganz bewusst renaturiert. Während des Kriegs, das zeigen Fotos, stand hier kaum ein Baum. Nun holt sich die Natur alles zurück. In den Laubwäldern wirken die deutlich erkennbaren Überreste wie bizzare Fremdkörper. Man möchte nicht wissen, welche Geschichten diese Gemäuer zu erzählen hätten… 

Das traurig, gruselige Highlight des Tages: Fort Douaumont, eine große und extrem umkämpfte Anlage zur Befestigung von Verdun. 

Auf den ersten Blick unscheinbar, erstreckt sich unter dem Berg ein riesiges Labyrinth aus Kammern, ehemaligen Munitionslagern, Türme und Geschützstellungen. Und das über 2 Stockwerke. Der Eintritt kostet uns 10 Euro.
Eine Stunde lang irren wir mit Guide bewaffnet stumm durch die Gänge und hören die Geschichte des Forts, das zeitweise von den Deutschen belagert war und wiederholt von beiden Seiten beschossen wurde. 

Es ist sehr feucht hier, manchmal fühlt man sich wie in einer Tropfsteinhöhle, was die desolate Stimmung deutlich erhöht. Früher sinf die Männer dort teilweise knöcheltief im Wasser gestanden. Immer wieder mussten hier Zerstörungen repariert werden, es gab einige Katastrophen wie Brände und viele müssen hier elendig den Tod gefunden haben.  Das, was als Lazarett ausgeschildert ist, wirkt auch eher wie Tod als wie Leben.  Aus diesem Grund gibt es auch einen unterirdischen Friedhof. Schön, dass die Vögel das Bauwerk als Nistplatz entdeckt haben, sie schwirren hier vollkommen unbefangen herum.

Wir sparen uns den Besuch eines weiteren Forts.  Stattdessen sehen wir uns das Ganze von oben an. Hier thronen Lord Helmchens mitten in der grünen Wiese…

Der Eintritt war es wert.  Auch die kleine Bergetappe, die uns an vielen Stellen am Straßenrand die Geschichte nochmal besonders vor Augen geführt hat. Für die Teenager scheinen 100 Jahre zu weit weg. Ich hoffe, sie erinnern sich an heute, wenn das Thema mal in der Schule besprochen wird.

Mir reicht es für heute.  
Wir sind wieder auf dem Campingplatz. Es nieselt…  
Da wir aber 8 Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt sind, hilft es nichts: wir müssen auf dem Rad nach Verdun.
Mein Mann hat einen Radweg abseits der vielbefahrenen Straße gefunden. 

Wir schlagen uns an der Meuse entlang. Idyllisch… Die Meuse ist hier ein kleines Flüsschen, vielleicht ein bisschen wie die Naab. Gebt zu, unter der Maas hättet Ihr euch auch was Breiteres vorgestellt…?

Was uns dann kurz vorm Einkaufen noch an Abenteuer erwartet, hätten wir nicht gedacht:
Wir landen in einer Nomadensiedlung auf einem Schrottplatz und schlängeln uns zwischen Autowracks und Wohnmobilen durch.  
Eine Szene wie Tarantino sie kaum besser hätte filmen können, als uns dann noch ein braungebrannter, volltätowierter, zotteliger Typ über den Weg läuft, der allerdings mindestens genauso baff schaute wie wir…  
200 Meter weiter, einen Trampelpfad entlang, hinter einer alten, längst verlassenen Eisenbahnbrücke: Neubauten. Vorbei der Spuk.  
Wir beschließen, den Rückweg anders anzutreten. 

Viel sehen wir leider nicht von der Stadt, die Kinder sind nämlich auf dem Platz geblieben. 
Lediglich der Blick vom Meuseufer auf die Altstadt lässt mich Frieden finden. Hier habe ich leider kein Foto: Verdun ist wenig Radler-freundlich. Da ist Konzentration angesagt…

Der Rückweg führt uns durch das „Bahnhofs-Hinterland“. Hier war mal ein riesiger militärischer Bahnhof. Und scheint, als sei hier die Zeit stehen geblieben… 

Vielleicht haben wir irgendwann Gelegenheit, der Stadt in seiner Version 100 Jahre danach eine Chance zu geben. 

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